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György KURTAG Kafka Fragmente - Texte


I. TEIL 
1. DIE GUTEN GEHN IM GLEICHEN SCHRITT...
Die Guten gehn im gleichen Schritt. Ohne von ihnen zu wissen, tanzen die andern um sie die Tänze der Zeit. 
2. WIE EIN WEG IM HERBST
Wie ein Weg im Herbst: Kaum ist er reingekehrt, bedeckt er sich mit den trockenen Blättern.
3. VERSTECKE 
Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke
4. RUHELOS
Ruhelos 
5. BERCEUSE I
Schlage deinen Mantel, hoher Traum um das Kind.
6. NIMMERMEHR (Excommunicatio)
Nimmermehr, nimmermehr kehrst Du wieder in die Städte, nimmermehr tönt die große Glocke über Dir.
7 "WENN ER MICH IMMER FRÄGT"
"Wenn er mich immer frägt." Das ä, losgelöst vom Satz, flog dahin wie ein Ball auf der Wiese.
8. ES ZUPFTE MICH JEMAND AM KLEID
Es zupfte rnich jemand am Kleid, aber ich schüttelte ihn ab.
9.DIE WEISSNÄHERINNEN 
Die Weißnäherinnen in den Regengüssen.
10.SZENE AM BAHNHOF 
Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.
11. SONNTAG, DEN 19. JULI 1910 (BERCEUSE 11) (Hommage a Jeney)
Geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht, elendes Leben.
12. MEINE OHRMUSCHEL...
Meine Ohrmuschel fühlte sich frisch, rauh, kühl, saftig an wie ein Blatt.
13. EINMAL BRACH ICH MIR DAS BEIN (Chassidischer Tanz)
Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.
14. UMPANZERT
Einen Augenblick lang fühlte ich mich umpanzert.
15. ZWEI SPAZIERSTÖCKE (Authentisch-plagal)
Auf Balzacs Spazierstockgriff: Ich breche alle Hindernisse.
Auf meinem: Mich brechen alle Hindernisse.
Gemeinsam ist das "alle".
16. KEINE RÜCKKEHR
Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.
17. STOLZ (1910/15. NOVEMBER, ZEHN UHR)
Ich werde mich nicht müde werden lassen. Ich werde in meine Novelle hineinspringen und wenn es mir das Gesicht zerschneiden sollte.
18. TRÄUMEND HING DIE BLUME (Hommage a Schumann)
Träumend hing die Blume am hohen Stengel.
Abenddämmerung umzog sie.
19. NICHTS DERGLEICHEN
Nichts dergleichen, nichts dergleichen.

ll. TEIL
DER WAHRE WEG (Hommage-message a Pierre Boulez)
Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über den Boden. Es scheint mehr bestimmt, stolpern zu machen, als begangen zu werden.

lll. TEIL
1. HABEN? SEIN?
Es gibt kein Haben, nur ein Sein, nur ein nach letztem Atem, nach Ersticken verlangendes Sein.
2. DER COITUS ALS BESTRAFUNG (Canticulum Mariae Magdalenae)
Der Coitus als Bestrafung des Glückes des Beisammenseins.
3. MEINE FESTUNG
Meine Gefangniszelle - meine Festung.
4. SCHMUTZIG BIN ICH, MILENA...
Schmutzig bin ich, Milena, endlos schmutzig, darum mache ich ein solches Geschrei mit der Reinheit. Niemand singt so rein als die, welche in der tiefsten Hölle sind; was wir für den Gesang der Engel halten, ist ihr Gesang.
5. ELENDES LEBEN (DOUBLE)
Geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht, elendes Leben.
6. DER BEGRENZTE KREIS
Der begrenzte Kreis ist rein.
7. ZIEL, WEG, ZÖGERN
Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.
8. SO FEST
So fest wie die Hand den Stein hält. Sie hält ihn aber fest, nur um ihn desto weiter zu verwerfen. Aber auch in jene Weite führt der Weg.
9. VERSTECKE (DOUBLE)
Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung wieder so viele wie Verstecke.
10. PENETRANT JÜDISCH
Im Kampf zwischen dir und der Welt sekundiere der Welt.
11. STAUNEND SAHEN WIR DAS GROSSE PFERD
Staunend sahen wir das große Pferd. Es durchbrach das Dach unserer Stube. Der bewölkte Himmel zog sich schwach entlang des gewaltigen Umrisses, und rauschend flog die Mähne im Wind.
12. SZENE IN DER ELEKTRISCHEN (1910: "Ich bat im Traum die Tänzerin Eduardowa, sie möchte doch den Csardas noch einmal tanzen..." )
Die Tänzerin Eduardowa, eine Liebhaberin der Musik, fährt wie überall so auch in der Elektrischen in Begleitung zweier Violinisten, die sie häufig spielen läßt.
Denn es besteht kein Verbot, warum in der Elektrischen nicht gespielt werden dürfte, wenn das Spiel gut, den Mitfahrenden angenehm ist und nichts kostet, das heißt, wenn nachher nicht eingesammelt wird.
Es ist allerdings im Anfang ein wenig überraschend, und ein Weilchen lang findet jeder, es sei unpassend. 
Aber bei voller Fahrt, starkem Luftzug und stiller Gasse klingt es hübsch. 

IV.TEIL
1. ZU SPÄT (22. OKTOBER 1913)
Zu spät. Die Süßigkeit der Trauer und der Liebe. Von ihr angelächelt werden im Boot. Das war das Allerschönste. Immer nur das Verlangen, zu sterben und das Sich-noch-Halten, das allein ist Liebe.
2. EINE LANGE GESCHICHTE
Ich sehe einem Mädchen in die Augen, und es war eine sehr lange Liebesgeschichte mit Donner und Küssen und Blitz. Ich lebe rasch.
3. IN MEMORIAM ROBERT KLEIN
Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Wild entgeht ihnen nicht, so sehr es jetzt schon durch die Wälder jagt.
4. AUS EINEM ALTEN NOTIZBUCH
Jetzt am Abend, nachdem ich von sechs Uhr früh an gelernt habe, bemerkte ich, wie meine  linke Hand die Rechte schon ein Weilchen lang aus Mitleid bei den Fingern umfaßt hielt.
5. LEOPARDEN
Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer: das wiederholt sich immer wieder: schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.
6. IN MEMORIAM JOANNIS PILINSZKY
Ich kann... nicht eigentlich erzählen, ja fast nicht einmal reden; wenn ich erzähle, habe ich meistens ein Gefühl, wie es kleine Kinder haben könnten, die die ersten Gehversuche machen.
7. WIEDERUM, WIEDERUM
Wiederum, wiederum, weit verbannt, weit verbannt. Berge, Wüste, weites Land gilt es zu durchwandern.
8. ES BLENDETE UNS DIE MONDNACHT...
Es blendete uns die Mondnacht. Vögel schrien von Baum zu Baum. In den Feldern sauste es. Wir krochen durch den Staub, ein Schlangenpaar...